MÜNCHEN-PARIS

Zur Geschichte von Ariadne und Theseus

 

Auf Kreta lebte einst ein Ungeheuer namens Minotauros, das halb die Gestalt eines Stieres und halb die eines Menschen besaß. Minotauros hauste im Labyrinth von Kreta, wo ihm immer wieder Menschen geopfert werden mussten.

Auch Athen war verpflichtet, in regelmäßigen Abständen jeweils sieben edle junge Männer und Frauen nach Kreta zu schicken, wo sie Minotauros zum Fraß vorgeworfen wurden. Theseus, der Sohn des Königs von Athen, wollte dieser Plage ein Ende setzen. So schiffte er sich zusammen mit den vierzehn jungen Athenern nach Kreta ein, um dort zu versuchen, Minotauros zu besiegen. Sein Vater Ägeus ließ Theseus nur schweren Herzens ziehen und bat ihn, bei glücklicher Rückkehr Segel in vereinbarter Farbe zu setzen, damit er schon vom Ufer aus den glücklichen Abschluß des Unternehmens erkennen könne.

Auf Kreta angekommen, traf Theseus Ariadne, die Tochter des Königs von Kreta. Die beiden verliebten sich ineinander. Ariadne wies Theseus darauf hin, daß er im Labyrinth nicht nur den Weg zu Minotauros finden und ihn besiegen, sondern auch den Weg zum Eingang zurück finden musste. Daher sollte er am Eingang des Labyrinths einen Faden befestigen und diesen bei seinem Gang hinein abrollen. So konnte ihm der Faden den Rückweg weisen. Theseus befolgte Ariadnes Rat und rollte bei seinem Weg in das Labyrinth einen Faden von einem Wollknäuel ab. Er besiegte Minotauros, der nun keine Menschenopfer mehr fordern konnte, und fand dank des Ariadnefadens den Weg aus dem Labyrinth wieder hinaus. Gemeinsam mit Ariadne eilte er zurück zu seinem Schiff, das sogleich in Richtung Athen aufbrach, denn er hatte Ariadne versprochen, sie zu seiner Frau und damit zur Königin von Athen zu machen.

Während eines Zwischenaufenthaltes auf der Insel Dia, die heute Naxos heißt, gingen die beiden an Land. Über die Geschehnisse auf Naxos gibt es verschiedene Versionen, wir halten uns an die Ursprüngliche: Ariadne hatte sich durch ihren an Theseus gegebenen Rat den Zorn des Gottes Dionysos zugezogen. Auf dessen Auftrag hin tötete daher die Göttin Artemis Ariadne auf der Insel. Weniger glaubwürdig erscheint uns die Version, nach der Dionysos Ariadne von Naxos geraubt und entführt haben soll – warum sollte er jemanden, auf den sich sein ganzer Zorn richtete, für sich rauben und entführen? Geradezu unglaubwürdig erscheint uns die folgende, erst in späterer Zeit entstandene Version, selbst wenn sie unter anderen Joseph Haydn und Richard Strauss vertont haben: Danach soll Theseus Ariadne auf Naxos ausgesetzt und verlassen haben. Dies erscheint uns deshalb unglaubwürdig, weil Theseus Ariadne sicher nicht mit auf sein Schiff genommen hätte, nur um sie bald darauf wieder auszusetzen.

Wie auch immer, Theseus musste ohne Ariadne nach Athen zurücksegeln. Voller Trauer über diesen Verlust vergaß er, die Segel in der vereinbarten Farbe zu hissen. Sein Vater hielt an der attischen Küste auf einer hohen Klippe nach ihm Ausschau und sah von weitem das Schiff seines Sohnes nahen, allerdings mit Segeln, die nicht die vereinbarte Farbe hatten. So nahm er an, Theseus verloren zu haben und stürzte sich voller Trauer in das Meer, das seither nach ihm als das Ägäische Meer bezeichnet wird.

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